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 Marie-Christine Fuchs, Bogotá, und Franziska Rinke, Berlin, untersuchen rechtsvergleichend „Die Rechtsprechung des Europäischen und des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte zur Unabhängigkeit der Justiz“, und insbesondere die „Absetzung von Richtern und Staatsanwälten als Bedrohung für den Rechtsstaat“
Maßgebliche Beispiele aus beiden Rechtskreisen werden im jeweiligen Kontext detailliert ausgewertet und in den Fußnoten zuverlässig dokumentiert. In der Rechtsprechung des EGMR stehen das Recht auf freie Meinungsäußerung (Art. 10 EMRK) im Vordergrund sowie das Recht auf ein faires Verfahren (Art. 6 Abs. 1), das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens (Art. 8), das Recht auf eine wirksame innerstaatliche Beschwerdemöglichkeit (Art. 13) und das Recht auf Freiheit und Sicherheit (Art. 5 Abs. 1 EMRK).
In der Rechtsprechung des IAGMR geht es vor allem um die justiziellen Garantien (Art. 8 AMRK), Recht auf effektiven Rechtsschutz (Art. 25 AMRK), den gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Ämtern (Art. 23 AMRK) und den Schutz der Meinungsfreiheit (Art. 13 AMRK).
Besonderes Augenmerk richten die beiden Autorinnen auf die Wechselwirkungen in der jeweiligen Rechtsprechung und die gegenseitigen Bezugnahmen von EGMR und IAGMR. Sie gelangen schließlich zu folgendem Fazit: «Die Rechtsprechung der beiden wichtigsten regionalen Menschenrechtsschutzsysteme macht deutlich, dass die Relevanz der richterlichen Unabhängigkeit für die Wirkkraft der dritten Gewalt und eine effektive Gewaltenteilung gerade in Zeiten zunehmender Bedrohungen der liberalen Demokratie durch autoritäre Machthaber mit populistischen Tendenzen stetig steigt. Ihre vehemente Verteidigung wird zur Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit immer unabdingbarer. (…)
Extrembeispiele dieser die Gewaltenteilung untergrabenden Tendenz zeigen sich in einigen Staaten Lateinamerikas, insbesondere in Venezuela, in dem die Gerichte und auch die Staatsanwaltschaft von der Exekutive mittlerweile völlig gleichgeschaltet wurden. (…)
Auch in Europa sind besorgniserregende Entwicklungen zu beobachten. Die Faktenlage des oben geschilderten Baka-Urteils des EGMR, das die strukturierten Angriffe der ungarischen Regierung auf die Besetzung des Obersten Gerichtshofs des Landes aufzeigt und als konventionswidrig einstuft, legt dafür ein beredtes Zeugnis ab. Das Gleiche gilt für den Fall Kövesi, der den Versuch Rumäniens, die in den Jahren zuvor in Rumänien erreichten Fortschritte auf dem Feld der Korruptionsbekämpfung zu bremsen, auf den Prüfstand stellt. Mit der Frage, ob das durch die Justizreform umstrukturierte polnische Verfassungsgericht in seiner aktuellen Besetzung rechtsstaatlichen Grundsätzen genügt, ist inzwischen auch der EGMR befasst. (…)
Nur durch einen zwischen den internationalen Gerichtshöfen abgestimmten „Multi-Ebenen-Schutz“ der Grund- und Menschenrechte wird es möglich sein, den wachsenden Herausforderungen für die Wahrung der Rechtsstaatlichkeit in den betroffenen Regionen effizient und effektiv entgegenzutreten.»  (Seite 398)