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Wegweisend im Bereich des Sorgfaltsmassstabs und der Kausalität im Bereich der Klimaschädigungen ist das niederländische Urteil Urgenda. In diesem Urteil werden die spezifischen Sorgfaltspflichten eines Staates im Wesentlichen gestützt auf die wissenschaftlichen Berichte des Weltklimarats in Verbindung mit den Zielen der Klimaverträge definiert. Sie werden – im Sinne einer geteilten Verantwortung („fair distribution“) – für den beklagten Staat bestimmt. Aufgrund des hohen Schadenspotentials kommt auch eine prozessuale Anwendung des Vorsorgeprinzips in Betracht, das die Beweisanforderungen an die Kausalität mindert. Allgemein werden für Beschwerden infolge klimabedingter Schädigungen neue Erkenntnisse der Wissenschaften – etwa mit Blick auf die Verursachung von Extremwettern – für die Prozessführung und insbesondere für das Aufzeigen von Kausalitäten potenziell wichtig. (…)

Während Beeinträchtigungen innerhalb desGebiets derKonventionsstaaten zu keinen zusätzlichen Schwierigkeiten führen, stellt derAusgleich von extraterritorial (ausserhalb der Konventionsstaaten) eingetretenen Schäden eine gestützt auf die derzeitige Praxis schwer zu überwindende Hürde dar. Die bisherige Rechtsprechung hat den Anwendungsbereich der Konvention zumindest im Umweltbereich bisher nicht für extraterritoriale Schädigungen eröffnet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die jüngste Entwicklung der Rechtsprechung in anderen nationalen und internationalen Gerichtshöfen die bisher enge Auslegung für den Bereich von durch Umweltschäden bewirkten Beeinträchtigungen der Konventionsrechte ein Stück weit in eine neue Richtung lenkt. Zu denken ist insbesondere an das auf Antrag Kolumbiens erstattete Gutachten des IAGMR vom 15. November 2017, das die extraterritoriale Schutzwirkung der Menschenrechte im Umweltbereich anerkannte.»
Hänni stellt abschließend fest: «Die EMRK beseitigt nicht die weltweite Bedrohung durch die globale Erwärmung, sie kann indessen im Einzelfall Instrumente bieten, um gegen Menschenrechtsverletzungen infolge des anthropogen verursachten Klimawandels vorzugehen.» (Seite 1)