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Hans-Jörg Behrens, Berlin, setzt sich mit Mehrfachanrufungen verschiedener Menschenrechtsinstitutionen durch denselben Beschwerdeführer auseinander: „Forum Shopping – Eine Herausforderung für den internationalen Menschenrechtsschutz“
Die «wachsende Zahl von Beschwerdeinstrumenten bietet in vielen Fällen eine bisher noch nicht dagewesene Auswahl an Möglichkeiten (…) für diejenigen, die eine Verletzung ihrer Menschenrechte durch einen Staat rügen möchten. Zugleich besteht das Risiko, dass das Gesamtsystem des internationalen Menschenrechtsschutzes durch die erhöhte Wahrscheinlichkeit divergierender Entscheidungen und eines daraus resultierenden Autoritätsverlustes insgesamt in Gefahr gerät.»
Der Beitrag gibt einen detaillierten Überblick über konkrete Fälle. Sie betreffen den EGMR und die zahlreichen Fachausschüsse der Vereinten Nationen (UN Treaty Bodies) wie den UN-Menschenrechtsausschuss, der den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (Engl.: ICCPR) auslegt, des Weiteren das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW), das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD), die UN-Kinderrechtskonvention (CRC), den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (ICESCR), die UN-Antifolterkonvention (CAT), das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (CERD) und das Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen (CED).
Behrens gibt zu bedenken: «Ein kleiner Schritt zu mehr Rechtssicherheit im internationalen Menschenrechtsschutzsystem wäre schon getan, wenn sich alle mit Individualbeschwerden befassten Gremien darauf verständigen könnten, allzu offensichtliche Mehrfachbefassungen als unzulässig abzuweisen. Die Praxis, Beschwerdeführern Paralleleinbringungen zu erlauben, damit dann die weniger aussichtsreiche Beschwerde zurückgenommen werden kann, sollte jedenfalls beendet werden.
Ebenso sollten alle Treaty Bodies die Kriterien, die der Menschenrechtsausschuss in seinem General Comment Nr. 33 für die „Charakteristika einer richterlichen Entscheidung“ aufgestellt hat, beherzigen. Dazu wäre es wichtig, dass sich die Mitglieder der besonderen Rolle eines Ausschusses bei der Entscheidung über Individualbeschwerden bewusst sind und dies von ihrer politischen „Mission“ zu trennen wissen. (…)
Ebenso sollte bei der Auswahl der Experten für die Treaty Bodies darauf geachtet werden, dass in allen Gremien genug juristischer Sachverstand für die angemessene Behandlung von Individualbeschwerden vorhanden ist.
Und schließlich beruhen die oben beschriebenen Mechanismen ja auch auf einem nicht nur verständlichen, sondern auch begrüßenswerten Antrieb; nämlich dem Versuch, die Menschenrechte weltweit voranzubringen. Hier sollte nur gezeigt werden, dass gelegentlich im Eifer der Mission die Überzeugungskraft des ganzen Systems in Gefahr gerät. Und auf diese Überzeugungskraft sind alle, die dieses Menschenrechtssystem erhalten wollen, heute mehr denn je angewiesen.» (Seite 171)

Rainer Hofmann und Alexander Heger, Frankfurt am Main, unterziehen „Das Selbstverständnis des Bundesverfassungsgerichts als Hüter des Kompetenzverhältnisses zwischen der Europäischen Union und Deutschland“ einer kritischen Bewertung
«Der Aufsatz beleuchtet die neusten Entscheidungen des BVerfG zum Verhältnis von Unionsrecht und nationalem Recht. Ein ausuferndes Kontrollregime des BVerfG bietet erhebliche Gefahren für den Verbund von EU und Mitgliedstaaten. Die Berücksichtigung nationaler Interessen sowie die Absicherung einer einflussreichen Teilhabe des BVerfG im Europäischen Verfassungsgerichtsverbund kann nur durch aktive Beteiligung am Kooperationsverhältnis mit dem EuGH erreicht werden.»
Bevor die Autoren zum Ultra-vires-Verdikt gegenüber EZB und EuGH im PSPP-Urteil (Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB) gelangen, beginnen sie ihre umfassend angelegte Untersuchung mit dem Anwendungsvorrang des Unionsrechts, der „Brückentheorie“ des BVerfG und der Autonomie der Unionsrechtsordnung. Es folgt eine Kritik am Kontrollregime des BVerfG, das gekennzeichnet ist durch Ultra-vires-Vorbehalt, Identitätsvorbehalt, Grundrechtskontrolle, Integrationsverantwortung. Des Weiteren wird die prozessuale Konzeption in der Karlsruher Rechtsprechung hinterfragt.