Arne Pilniok, Hamburg, prüft in einer Anfangsbilanz detailliert „Die Europäische Bürgerinitiative zwischen Legitimationserwartungen und institutioneller Praxis“ und sieht darin einen „Beitrag zum Recht auf Beteiligung am demokratischen Leben der Union“
«Der Europäischen Bürgerinitiative kommt jedenfalls normativ eine Pionierfunktion bei der Ausgestaltung einer supranationalen Demokratie zu, die nicht ausschließlich auf ein repräsentatives System gestützt werden kann. Sie hat insoweit zweifelsohne einen experimentellen Charakter. Die Verfassungspraxis der letzten Jahre lässt einen gemischten Eindruck entstehen. Die Zahl der angestrengten Bürgerinitiativen bringt die Motivation zur bürgerschaftlichen Beteiligung an der demokratischen Herrschaft in der Europäischen Union zum Ausdruck. Demgegenüber verweist die geringe Zahl der erfolgreichen Initiativen auf deren rechtliche wie organisatorische Schwierigkeiten. Insbesondere hat es seit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon noch keine Initiative bis in den acquis communautaire geschafft. Wenn allgemein von einer „Entzauberung der partizipativen Demokratie“ gesprochen wird, umschreibt dies im Ansatz zutreffend, dass es keine problemlose zusätzliche Legitimation durch Beteiligung geben kann, wie manche Großformeln es nahelegen. So wie die repräsentative Demokratie für die Abgeordneten nicht nur in glanzvollen Plenardebatten, sondern in der mühevollen Kleinarbeit in Fraktionen und Ausschüssen besteht, gilt dies auch für die partizipative Demokratie.
Die Verwirklichungschancen der bürgerschaftlichen Beteiligung an der Rechtsetzung der Union hängen entscheidend von deren sekundärrechtlicher Ausgestaltung ab. Primärrechtlich ist insoweit durchaus ein weiter Rahmen gesteckt. Darin erscheint die Bürgerinitiative und ihre Reform als Sinnbild für die Arbeit der Union und insbesondere der Kommission insgesamt. Detaillierte Regulierung und eine weitgehende Entpolitisierung durch Verrechtlichung lassen sich hier im Lichte der vorhergehenden Analysen als nichtintendierte Nebenfolgen der Ausgestaltung festhalten. Dabei haben das Europäische Gericht und – bisher nur in einem Fall – der Europäische Gerichtshof durch mehrere Entscheidungen den Zugang zur Europäischen Bürgerinitiative erleichtert. Gleichzeitig ist im Rechtsrahmen – wie in vielen europäischen Rechtsakten – bereits eine periodische Revision angelegt. Daher steht eine Reform mit den skizzierten Schwerpunkten von Haftungserleichterungen für die Organisatoren, ihrer Entlastung bei den notwendigen Übersetzungen sowie einer Erleichterung der Online-Sammlung von Unterstützungsbekundungen derzeit auf der Agenda. Allerdings sind durch die erstmalige Ausgestaltung erhebliche Festlegungen wie die Anknüpfung an das Initiativrecht der Kommission und die zweistufige Struktur mit vorgeschalteter Registrierung entstanden, von denen insbesondere die Kommission nicht ohne Weiteres abrücken mag. Die Normen, die bei den gerichtlichen Verfahren im Mittelpunkt standen, bleiben unisono nahezu unverändert. Insofern ist nur mit einer behutsamen Fortentwicklung des Rechtsrahmens zu rechnen. Von daher ist differenziert zu betrachten, was die Europäische Bürgerinitiative zur demokratischen Legitimation der Union unter den Rahmenbedingungen der Reform ihrer sekundärrechtlichen Ausgestaltung und ihrer andauernden justiziellen Ausformung beitragen kann.» (Seite 126)